Gottesdienst am 31.12.2020 (Silvester/Altjahrabend) von Pfarrer Frank Lutz

Gottesdienst mit Predigt zum Altjahrabend 2020 über
2. Mose 13,20-22

Votum

Im Namen des Vaters
und des Sohnes
und des Heiligen Geistes.
Amen.

Gebet

Die letzten Schritte dieses kurzen, langen, schönen, schweren Jahres - wir gehen sie mit dir, Gott. So, wie du stets mit uns gegangen bist auf allen Wegen und an allen Tagen. Wir danken dir für deine treue Begleitung, deine Sicherheit gebende Nähe, dein verlässliches Für-uns-da-Sein.

Durch dein Wort, das uns geleitet, geholfen, geheilt und getröstet hat, wenn wir nicht mehr weiterwussten, und durch Menschen, die du unseren Weg hast kreuzen lassen und uns zur Seite gestellt hast, die uns verstanden haben und denen wir vertrauen konnten. In diesem kurzen, langen, schönen, schweren Jahr. Amen.

(Aus: Ulrich Burkhardt (Hg) »Neue Gebete für den Gottesdienst V«)

 

 

Predigt über 2. Mose 13,20-22

20 So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Liebe Gemeinde,

wissen Sie, woran ich denken muss, wenn ich von der Feuersäule und von der Wolkensäule höre?

An die Feuersäulen der emporschießenden Feuerwerkskörper, die sich in der Silvesternacht hoch oben in großer Farbenpracht entladen und den Himmel erleuchten – und an die Rauchwolken des Silvesterfeuerwerks. Wolkensäule und Feuersäule.

Ich habe schon oft über das Bibelwort von der Wolken- und der Feuersäule gepredigt, aber Gedanken zum Silvesterfeuerwerk sind mir dazu bisher noch nie eingefallen. Warum gerade zu Silvester 2020?

Dieses Jahr sind Feuerwerke verboten. Gerade deshalb kommen sie mir in den Sinn. Verboten sind sie nicht wegen des Feuerwerks an sich. Aber weil in dieser Nacht normalerweise nicht nur Feuerwerkskörper knallen, sondern auch Sektkorken in feucht-fröhlichen Parties in mehr oder weniger großen Gruppen. Genau das ist in der Silvester-/Neujahrsnacht in diesen Corona-Zeiten nicht möglich; die einen vermissen’s, die anderen atmen erleichtert auf.

In normalen Zeiten nehmen sich die Menschen bei fröhlichem buntem Feuerwerk um Mitternacht in den Arm, geben sich einen Kuss und wünschen sich ein gutes und gesundes neues Jahr. Würden das Millionen wie in all den Jahren und Jahrzehnten zuvor machen, dann hätte es das Coronavirus leicht, sich funkensprühend auszubreiten übers ganze Land, über die ganze Erde, wie die funkensprühenden Leuchtraketen, die sich über den Himmel des ganzen Erdkreises ausbreiten – in einer nächsten Corona-Welle (oder gar einem Corona-Tsunami?). Was wären dann all die guten und gut gemeinten Wünsche zum neuen Jahr wert?

 

Die Silvesterfeiern früher mit ihren Feuerwerken zeigten mir immer: das neue Jahr soll ein gutes, ein schönes neues Jahr sein; farbenfroh, fröhlich begrüßten wir es. Vielleicht wird’s besser als das letzte Jahr, jedenfalls wünschen wir es uns. Mit solchen Wünschen gingen wir auch an Silvester 2019 hinüber nach 2020. Und dann kam alles ganz anders als gewünscht.

Was blieb von dem, was man sich beim Sektkorkenknallen und Feuerwerk vor einem Jahr für 2020 an Gutem gewünscht hat?

Ich denke an die „normalen“ Silvesternächte zurück und sinniere: Eine Silvesterrakete leuchtet ein paar Sekunden. Danach ist nur noch Rauch zu sehen. Ein Knallkörper knallt für einen Minibruchteil einer Sekunde. Das ganze Silvesterfeuerwerk ist etwa um 0:30 Uhr zu Ende. Dann weichen die bunten Farben vom Himmel.

„Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ Diese Erfahrung hat das Volk Gottes gemacht

·         an der Grenze vom Alten zum Neuen

·         an der Schwelle vom Kulturland zur Steinwüste, für die allermeisten Israeliten völlig unbekanntes Terrain; Unsicherheiten und Ängste waren riesengroß

·         an der Grenze vom Land des Sklavendaseins unterwegs zum Land der Freiheit

„Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ Da ist nicht eine halbe, dreiviertel Stunde Schall und Rauch, dann der ganze Feuerzauber vorbei, das Feuerwerk abgebrannt. „Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“ Die ganzen 40 Jahre.

Was beim ersten Mal mit viel Staunen bewundert wird als ein außergewöhnliches Ereignis, ist vermutlich nach 40 Jahren eine vertraute, fast schon gewöhnliche Sache. Wer die Wolkensäule das erste Mal mit 20 Jahren gesehen hat, wundert sich mit 60 Jahren nicht mehr darüber. Was zunächst ein starker Trost ist, ein wunderbares Zeichen für Gottes Gegenwart und Schutz am Tag und in der Nacht, wird für manche vielleicht zur bloßen alltäglichen Begleiterscheinung.

Wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob in dieser Wolke wirklich Gott steckt oder ob es nicht bloß eine seltsame Windhose ist? Und die Wolkensäule führt sie ja nicht gerade auf dem kürzesten Weg zum Ziel. Der lang ersehnte Satz „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ war mit Hilfe dieses himmlischen Navigationssystems erst nach vierzig Jahren zu hören. Ist es mit der Wolken- und Feuersäule nicht ganz ähnlich wie mit einem Feuerwerk? Welche dabei ausgesprochenen Wünsche erfüllen sich, welche nicht? Wieviel Geduld brauchen wir?

Nicht wenig Geduld wird uns in diesen Corona-Zeiten abverlangt. Haben wir Gewissheit, dass Gott mitgeht?

Liebe Gemeinde,

die Wolken- und die Feuersäule zeigt mir mehr als ein Feuerwerk. Sie zeigt mir: Gott geht mit. Er ist nicht einer, der irgendwo von ferne das Weltgeschehen beobachtet und dann „Fernwartungen“ betreibt. Nein, Gott kommt den Menschen nahe und geht dann mit den Menschen mit durch Wüsten hindurch, bis ins Land der Freiheit – so erlebte es Israel damals. Auch wir werden im neuen Jahr Tag für Tag erfahren: Gott geht mit.

21 Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22 Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Gott geht mit. Mit uns. Doch so leicht zu fassen ist er nicht. Es wirkt ein wenig so: Gott „versteckt“ sich in sichtbaren Dingen; er ist in der Wolken-Feuer-Säule. Aber direkt sehen konnten ihn die Israeliten damals nicht – und können auch wir ihn nicht, wenn’s jetzt ins Jahr 2021 geht. Und dennoch: wir glauben – vielleicht mehr tastend als wissend –, dass Gott uns vorangeht.

Gott ist in irdischen Elementen „drin“, ganz anwesend, ganz präsent, in einer Wolken- und Feuersäule. Er ist auch in irdischen Elementen ganz anwesend (in einem brennenden Dornbusch, in Brot und Wein, in einem sanften Sausen … – die Bibel nennt vieles), auch wenn er nicht in ihnen aufgeht und wir Gott deshalb nicht mit unseren Augen direkt sehen können.

Gott ist in einem Menschen aus Fleisch und Blut ganz „drin“, ganz anwesend: in Jesus wurde er an Weihnachten ein Mensch – und ist und bleibt doch Gott. Er ist in Brot und Wein „da“. So haben wir sein „Dasein“, bei uns Menschen im Abendmahl im Jahr 2020 „geschmeckt“ und gefeiert. Und so, in Brot und Wein werden wir ihn im Jahr 2021 auch wieder feiern. Das Abendmahl weist uns hin auf das, was am Kreuz geschehen ist.

Das Kreuz – Holz, ein irdisches Element – ist das sicherste Zeichen, dass Gott mitgeht, und zwar wirklich überall hin. Gott geht den Weg mit, bis in die tiefsten Tiefen von Leid und Tod. Dahin gehört Krankheit, auch schwere Krankheitsverläufe von Covid-19; dahin gehört, was beruflich ganz und gar nicht gut gelaufen ist. Dahin gehört, dass Menschen uns verlassen haben. Dahin gehört das, was ich an Schuld auf mich geladen habe und womit ich allein nicht fertig werde. Am Kreuz hat Jesus gesagt: „Vater, vergib ihnen!“ Gott geht den Weg mit, bis in die tiefsten Tiefen.

Wie gut, dass uns Jesus dieses sichtbare Zeichen, das Kreuz, gegeben hat, dass er überall dahin mit uns geht. Er verlässt uns nicht.

Darum: Verlassen wir einander auch nicht! In Gottes Namen! Gehen wir zusammen mit Jesus Christus den Weg in die Tiefen mit den Menschen, die krank sind, die das Sterben vor Augen haben, die schuldig geworden sind, an denen wir selbst schuldig geworden sind, die beruflich am Rande der Wüste stehen … Es war eine Wüstenzeit für das Volk Israel damals. Durch die Wolken- und Feuersäule führte Gott die Menschen miteinander als Gemeinschaft. Er ging selbst mit.

Es ist gut zu wissen, dass auch für 2021 für jede und jeden unter uns gilt: Gott geht voran und Gott geht mit.

Amen.

Pfarrer Frank Lutz, Kaisersbach

Fürbittengebet

(nach einer Prädikantenvorlage von Harald Klingler):

Du Ewiger, nimm unter deinen Schutz und Segen die letzten Stunden dieses Jahres, unsere Lieben in nah und fern, das Feiern der Menschen in dieser Nacht und alle, die Dienste zu leisten haben.

Nimm uns an der Hand, führe uns vom alten ins neue Jahr. Nimm dich besonders derer an, die sich nicht vom alten lösen können, die angstvoll dem neuen Jahr entgegensehen, weil sie keine Perspektiven und wenig Hoffnung haben.

Nimm uns allen die schweren Gedanken. Nimm Sorgen und Ängste. Nimm uns unsere Schuld. Nimm aber auch gedankenlosen Leichtsinn und undankbare Gleichgültigkeit.

Nimm in deine starke Hand, dass Frieden werde, wo Streit und Unfriede sind; dass Recht und Gerechtigkeit das Miteinander der Menschen und Völker bestimmt; dass deine Welt vor Katastrophen bewahrt bleibt und Menschen das Leben bewahrt wird (hier möglichst Aktualisierungen in der Corona-Pandemie!).

Nimm unter deinen Schutz und Segen alle Tage und Stunden des neuen Jahres, unsere Familien und alle deine Geschöpfe, unseren Ort, unser Land, deine Welt.

Nimm unter deinen Schutz und Segen deine Gemeinde hier und deine Kirche weltweit: dass wir aus deinem Wort leben, deine Wahrheit bezeugen und hoffnungsfroh auf den Tag warten, an dem du dein Reich sichtbar machst und alles herrlich vollendest. Amen.

Segen

Der Herr segne euch und behüte euch.

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

Amen.

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